Was gewesen ist: Woche 7 (2018)

Es sollte ein ruhiger Auftakt werden, für eine an Fahrt immer weiter aufnehmende Woche, die geprägt sein würde, vom Filmfestival Berlinale und damit nicht enden wollenden Abendempfängen und Cocktailpartys, und so ging ich nach dem Frühstück im Fechtner am Rosenthalter Platz nur kurz in die König Galerie, um dort das große “Happy Ending”, eine Art gemeinsame Performance, mit Johann König zu besprechen, und widmete mich ansonsten, zur Berlinale passend, dem Film “I, Tonya”.

In “I, Tonya” geht es um die wahre Geschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding, deren Mann einer Konkurrentin die Beine brechen lässt. Und auch wenn ich mit Eiskunstlauf nicht viel anfangen kann, was sicher auch daran liegt, dass ich darin nie besonders gut, geschweige denn elegant, war, hat mich die Story um den sympathischen, saufenden und rauchenden Proll Harding, der den steifen Strebersport aufmischt, gut unterhalten.

Den Dienstag verbrachte ich mit diversen Meetings in drei verschiedenen Bezirken und also vorrangig damit, im Stau zu stehen. Dementsprechend staumäßig gelaunt suchte ich vergebens und nicht sonderlich effektiv stundenlang nach meinem “Coolest Monkey In The Jungle”-Pullover und fand ihn nicht. Nun wusste ich auch nicht weiter, was ich am Abend anziehen sollte, zur von H&M gesponsorten Feier des Interview-Magazins. Für was ich mich letztlich entschied, weiß ich nicht mehr, sehr wohl aber, dass mich noch panische Nachrichten erreichten, ich solle doch bitte keinen Ärger anzetteln oder gar den Skandalpullover tragen, als hätte jemand mein nicht sehr virtuoses Vorhaben geahnt. Den Pullover hatte ich jedenfalls nicht an, als ich am Einlass stand, um auf die Party zu kommen, wo man mich noch kurz darauf hinwies, dass es im Vorfeld Diskussionen darüber gegeben hatte, mich von der Gästeliste zu streichen, was aber natürlich bescheuert gewesen wäre, weil man mich doch eingeladen hatte, und so durfte ich dann doch Gast sein und verhielt mich vorbildlich bei alkoholfreiem Bier und skandalfreier Garderobe, während ich von nervösen H&M-Mitarbeitern beäugt wurde.

Die Party, Anlass war wohl der sechste Geburtstag der deutschen Ausgabe des Interview-Magazins, war dann eine gute und das Publikum angenehm gemischt aus den üblichen Mode-Gästen, Influencern eben, Bloggern, ein paar alten Magazinhasen, und zwei dutzend Jungschauspielern, denen in diesen Berlinale-Tagen endlich einmal die Aufmerksamkeit zuteil wird, die sie sich doch mit ihrer prekären Berufswahl immer erhofft hatten.

Viele der jungen Schauspielerdarsteller übernahmen hier das aus Hollywood bekannte Prinzip, immer ein bisschen zu viel damit anzugeben, was sie als nächstes mit wem drehen würden und auch der deutsche Film, der bald auch ganz sicher international für sehr viel Aufmerksamkeit sorgen würde, weil doch zunehmend in englischer Sprache gedreht würde, wurde allerorts gelobt und nur einer erzählte mir, dass es eigentlich dann doch nur der Tatort ist, der ordentlich zahlen würde und alles andere weiterhin eher Studentenfilmniveau hätte.

Kurz schimpfte dann noch ein Filmproduzent gut angetrunken auf die deutsche Subventionskultur und darauf, dass das Theater “Schaubühne” pro verkauftem Ticket 180,- Euro Subvention bekomme, und wenn das beim Film doch auch so wäre, man sehr wohl auch anspruchsvolleren Stoff würde umsetzen können. Die Wut verlor sich allerdings schnell wieder im Rausch der Nacht und der eigenen Bedeutung, was vielleicht ganz gut so war.

Dass das Gerücht rumging, die aktuelle würde auch gleichzeitig die letzte Ausgabe des Interview-Magazins sein, weil das doch pleite sei, und es reichlich merkwürdig wäre, in so einer Lage eine Party zu feiern, noch dazu mit dem Partner H&M, dem es doch aktuell auch nicht besonders gut geht, und dem weiteren Partner Google Pixel, diesem Telefon also, auf dem stadtbekannte Modefotografen reichlich bemüht die Event-Fotos des Abends knipsten, weil das Smartphone sonst doch wirklich niemand benutzt, wenn er nicht dafür bezahlt wird, interessierte weiter niemanden. Die Drinks waren gut, die Stimmung auch und der DJ spielte, bis das Schiff gesunken war.

Am Mittwoch verlieh das zur konsumfreundlichen Tageszeitung Die Welt gehörende Stilmagazin “Icon” den mit einem Stift des Werbekunden Chopard prämierten  “Young Icon”-Award an talentierte Nachwuchssternchen aus verschiedenen Bereichen, des gesellschaftlichen Lebens. Mit Jeanne de Kroon, Gründerin des Modelabels “Zazi Vintage” und Marie Nasemann, Eco-Bloggerin, gewannen erfreulicherweise gleich zwei ursympathische Frauen, die sich für nachhaltig und fair produzierte Mode einsetzen und dabei, das ist sicher ihre größte Leistung, nicht so aussehen. Dass ein schriller Geiger die fiese Kombination aus Pop und Klassik aufs Perverseste exerzierte und Icon-Chefredakteurin Inga Griese gleich zu Beginn minutenlang die Sponsoren abfeierte und die Eventlocation, das “Spindler & Klatt” als “nicht total schick, aber auch nicht total shittig” bezeichnete: geschenkt.

Ich ging früh, weil mir jemand vorwarf, eine Dauerwelle zu tragen. Lang soll die Party aber ohnehin nicht gegangen sein. Die jungen Ikonen waren vielleicht einfach nicht in Stimmung.

Am Donnerstag setzte ich endlich das seit Monaten geplante Projekt in die Tat um, mir eine Brille mit genau 35 Prozent Tönung anfertigen zu lassen. Mein Freund Niels Ruf hatte mich dazu inspiriert, nachdem ich ihn mit einer ebensolchen Brille gesehen hatte, die er auch in geschlossenen Räumen tragen konnte, ohne wie ein schwer posender Nachwuchsrapper oder schlicht Idiot auszusehen. Außerdem hatte ich in der Dokumentation über Julian Schnabel, ältere Leser erinnern sich an den Post von vor drei Wochen, gesehen, dass eigentlich alle großen New Yorker Künstler ebenfalls leicht getönte Brillen trugen und vor allem auch Robert DeNiro.

Abends lud der Promi-Juwelier BVLGARI dann zur alljährlichen Berlinale-Party ins Soho House und weil es beim letzten mal schon früh zu Ende gegangen war, lud man in diesem Jahr einfach dreimal so viele Gäste ein und machte den Raum enger – alte Partyveranstaltertricks. Es war dann auch sehr eng und voll und die zahlreichen Gäste, darunter der US-Schauspieler Liev Schreiber, das gesamte Adelsgeschlecht Sayn-Wittgenstein und ein paar Schauspieler und ehemalige Modelcastingshowteilnehmer, stolperten über zerplatzende, am Boden liegende Luftballons. Ob die Party länger ging, als beim letzten Mal, ist mir nicht überliefert. Ich verließ sie früh und feierte stattdessen lieber den Geburtstag meines Freundes David Gergely im Provocateur Hotel, weit im Westen der Stadt.

Am Freitag lud die neu gegründete Agentur “Mega Talent” in ihre Agenturräume und stellte sich vor. Die ehemalige People-Journalistin Kirsten “Kiki” Reineke berät ab sofort aufstrebende Talente aus der Showbranche bei ihrem Weg ganz nach oben. Ihre vorigen Positionen bei Bunte, Gala, Bild am Sonntag und Grazia sollen ihr dabei nicht hinderlich sein. Und obwohl wir uns hier in einer Modelagentur befanden, “Mega Talent” ist eine Schwesteragentur von “Mega Models”, der besten Modelagentur des Landes, bei der, aufmerksame Leser wissen es längst, natürlich auch Giannina unter Vertrag ist, gab es ein hervorragendes Catering mit kleinen Cremetörtchen, Brezeln, Coca Cola (mit Zucker!), Kartoffelsalat und Bockwürstchen. Vielleicht war das Ganze aber auch nur ein Test für die angehenden, bitteschön superschlanken Stars. Ich aß viel und gleich drei von den Cremetörtchen.

Abends, beim Kickboxen, wurde mir das zum Verhängnis.

Dank der Hilfe meines Freundes Mickey Rosen hatten Giannina und ich spontan noch einen Tisch im auf Wochen ausgebuchten Restaurant 893 Ryōtei bekommen, diesem maximal angesagten japanischen Restaurant von Starkoch Duc Ngo, das sich hinter mit Graffiti besprühten Scheiben in der Kantstraße versteckt. Das Essen war dementsprechend gut, sagten alle und so sage es auch ich. Mein Highlight: der getrüffelte Spinatsalat.

Später am Abend saß ich im Grill Royal bei einer Johannisbeerschorle plötzlich zwischen Rammstein-Sänger Till Lindemann und Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers und wusste auch nicht so recht, was ich sagen sollte. Ich ging dann bald aber ohnehin weiter, zur Berlinale-Party die das Magazin 032c für das italienische Modehaus GUCCI ausrichtete und für die es eine besonders strenge Gästeliste gab. Auf der Feier selbst war es dann angenehm luftig, es gab alkoholfreies Bier in Flaschen und aufwändig kostümierte Gäste aus dem Umfeld des Berliner Magazins, die man eigentlich allesamt auch schon im Heft selbst und auf dem dazugehörigen Internetauftritt auf die ein oder andere Weise gesehen hatte. 032c-Modemacherin Maria Koch hatte das ursprünglich von GUCCI für Blumen eingeplante Budget in einen Laser investiert, erzählte man sich, damit die Party zu einem amtlichen Rave werden würde, und so schossen grüne Laserlichter durch den Raum, wie ich es zuletzt bei unserer Scooter-Party gesehen habe. Eine schöne Erinnerung.

Am Samstag frühstückte ich mich so durch den Tag, vom Cecconi’s bis ins Dujardin im Wedding, der zumindest dort so langsam kommt. Bevor die Sonne unterging spazierte ich mit meinem Freund Quid Haden noch an einer leerstehenden Immobilie in der Potsdamer Straße vorbei, die geradezu ideal geeignet wäre für eine Bar, in der man schon ab mittags Wein trinken könnte, wie Quid befand. Noch war es aber nicht so weit, obwohl die Potsdamer Straße doch wirklich die allerbeste und bislang noch recht unentwickelte Straße Berlins ist und sowieso die neue Mitte, spätestens doch, wenn die Neue Nationalgalerie fertig renoviert ist und irgendwann auch dieses unschöne, Fashion-Week-Zelt-artige “Museum des 20. Jahrhunderts” der Star-Architekten von Herzog & de Meuron steht, also tranken wir keinen Wein. Noch nicht!

Abends lackte ich mich ordentlich auf, trug also Wetgel im Haar und einen halbseidenen, weißen Anzug, und ging mit Giannina auf die große Berlinale Party der Bild-Zeitung, “Place to B”, ins Promi-Restaurant “Borchardt”. Auch hier gab es neben hektoliterweise Champagner auch wieder alkoholfreies Bier und ebenfalls viele aus der Zeitung bekannte Gäste. Meine persönlichen Highlights waren der Muskelmann Ralf Möller (“Unser Mann in Hollywood”), Scorpions-Sänger Klaus Meine (“Unser Mann in Hannover”), Ku’Damm Coiffeur Udo Walz und Schauspieler Mario Adorf (“Vergewaltigt in Ketten”, “Unser Boß ist eine Dame”). Auf der kleinen Showbühne neben der Theke trat zumindest eine der “Sister Sledge”-Schwestern, begleitet von zwei Backing-Sängerinnen auf und spielte ihre Riesenhits, wie “We Are Family”, während sich Starfotografin Ellen von Unwerth als Partyfotografin für die letzte Seite der Bild-Zeitung verdingte.

Des Nächtens ging die Party dann im 1. Obergeschoss des Restaurants weiter und natürlich im Keller, bei den Toiletten, also überall und letzte Nachrichten, wo zur Hölle ich denn stecke, erreichten mich noch weit nach 14 Uhr am darauffolgenden Tag, als ich natürlich schon längst frischgeduscht und mit einer Wochenzeitung unterm Arm durch Kreuzberg spazierte.

Am Sonntagabend brauchte ich dann nun wirklich mal eine Auszeit von dem schmierigen Berlinale-Glanz und traf mich in der “One Africa Lounge” im Wedding mit meinen Freunden Rafi, Philip und Ruben, um eine anstehende Reise nach Nigeria und den dortigen Markteinstieg mit Wanddekorationsobjekten zu planen. Wir aßen Kochbananen und manche auch einen Fisch, der nach Hühnchen schmeckte, und planten, in Nigeria einen Stummfilm zu drehen, den wir dann in einem eigens zu gründenden Stummfilmkino in der Torstraße uraufführen würden. Die Berlinale hatte ihren dunkeln Schatten also auch bis hier hin geworfen, in den Wedding und die “One Africa Lounge”.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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