Was gewesen ist: Woche 17 (2018)

Schon am Sonntagabend waren David und ich von Zürich nach Berlin geflogen und so wachte ich am Montag in einem Hotel am Hackeschen Markt auf, weil es sich für diese eine Nacht wirklich nicht gelohnt hätte, nach Hause zu gehen und häuslich zu werden oder gar bequem.

Das Wetter war gut und die sich am Vorabend kurz abzeichnende fiebrige Erkältung schien doch keine zu sein und so schoss ich bester Laune durch die Stadt und ins „Eye Candy“ benannte Fotostudio unserer Freundin Juliette und ließ mich mit David fotografieren, weil auch das doch zu unserem Beruf gehört.

Nebenher veröffentlichte ich den einige Tage zuvor geschriebenen Artikel über Zalando und deren Marketing das hauptsächlich daraus besteht, die gesamte Modebranche mit viel Geld zuzuscheissen und war mir natürlich nicht im entferntesten bewusst, was ich damit auslösen würde.

Während der Artikel so vor sich hin plätscherte und jede Stunde einige tausend Leser mehr erreichte, traf ich mich mit einigen Berliner Freunden, die ich derzeit ja so selten sah, saß in der Sonne, trank den berühmten einen Espresso zu viel und laberte eben so rum.

Am späteren Nachmittag erreichten mich dann erste boshafte Kommentare über diverse soziale Medien und bald auch alarmierte E-Mails von der König Galerie, mit der wir doch wenige Tage später die große „Happy Ending“-Party feiern wollten und damit das Ende des anstehenden Gallery Weekends, des schönsten Wochenende des Berliner Jahres.

Ein knappes dutzend empörter Kommentatoren hatte sich zusammengefunden und vernetzt und versuchte nun unsere Feier, für die wir das asiatische Restaurant „Ngon“ im Nikolaiviertel gemietet und zu der wir mittels einer erotischen japanischen Shunga-Zeichnung eingeladen hatten, als rassistisch und sexistisch zu brandmarken. Ort und Einladung waren seit Wochen bekannt und öffentlich und so wunderte es mich erst ein wenig, dass genau jetzt, an diesem Montag, den ich doch eigentlich Zalando gewidmet hatte, ein solches Stürmchen aufzog, bekam dann aber schon sehr bald die Information zugespielt, dass das Auge des Sturms aus Mitarbeitern und Auftragsempfängern von Zalando und der dazu gehörigen Messe „Bread & Butter“ bestand, was mich einigermaßen beruhigte. Persönliche Kränkungen mögen als Anlass für unmögliche Beschimpfungen auch nicht besonders fein sein, aber so wussten wir doch zumindest, wo die Entrüstung her rührte. Und so war es dann doch keine moralisierende Sittenpolizei, der wir ins Visier geraten waren, in dieser doch immer noch freiesten Stadt der Welt, in der wir am Kunstwochenende zu einer Feier ebendieser Kunst geladen hatten, sondern ein paar ihrem Aktienunternehmen ungewöhnlich loyal verbundene Lohnarbeiter. Der Zalando-Personalvorstand möge sich diese meisterliche Leistung des Mitarbeiter-Commitments mit einer fetten Bonuszahlung honorieren lassen.

Am Montagabend flogen wir, also David und ich, dann erst einmal nach Mailand, und verschafften uns so eine räumliche Distanz zu dem kleinen Scheißestürmchen.

Wir kamen spätnachts an und schliefen am nächsten Morgen lang, weil wir eigentlich nichts zu tun, außer ein bißchen in der Sonne zu spazieren, Pasta zu essen und die italienische Kultur des Eisessens zu bewundern, die sich durch sämtliche Sozial- wie Altersschichten zieht.

Am darauffolgenden Tag drehten wir noch ein paar Szenen fürs Fernsehen und erklärten in kurzen Sequenzen, wie die Modewelt funktioniert, ohne dabei allzu tief ins Detail zu gehen, denn das wurde hier bei aller Liebe auch gar nicht von uns verlangt. Und weil wir früh Drehschluss hatten, schafften wir es sogar noch ins Privatmuseum Fondazione Prada, den vielleicht schönsten Ort der Welt, an dem wenige Tage zuvor der neue zehnstöckige Museumsturm eröffnet worden war.

Das schönste am neuen Turm ist dann tatsächlich der Blick auf das nachbarschaftlich gelegene Gebäude mit den spiegelnden Fenstern gewesen, in dem sich wiederum der gesamte Hof der Fondazione spiegelt, auch wenn die großen Arbeiten von Koons und Hirst natürlich eindrücklich sind und die riesigen, auf dem Kopf hängenden, angenagten Fliegenpilze von Carsten Höller, der es trotz allem internationalen Ruhm angenehmerweise noch nicht für nötig befunden hat, sich den Umlaut wegzuglobalisieren, auch.

Das Treppenhaus des Turms hat, wenn ich das richtig gesehen habe, ein versetzt parallel verlaufendes, zweites Treppenhaus, in das man als Besucher nicht reinkommt und ich frage mich seither, was das ist und wie das heißt und bin auch davon sehr begeistert, mehr noch, als von der Kunst. Aber so ist es ja bei den allermeisten tollen Kunstorten: die Architektur schlägt die Kunst.

Am Donnerstag war dann auch schon der letzte Drehtag unserer dreiwöchigen Produktion und wir verabschiedeten uns am Abend gebührend und mit Tränen in den Augen vom gesamten fünfzigköpfigen Team und insbesondere von unserem Fahrer D., der uns stets zur Seite war und uns aus Sicherheitsgründen nie aus den Augen gelassen hatte, außer vielleicht das eine Mal, als David von einem Foto-Assistenten unsanft zur Seite geschoben wurde und dabei fast umviel. Er stand aber auch einfach blöd im Weg.

Am Freitag flogen wir zurück nach Berlin und wir fuhren direkt vom Flughafen in das Restaurant „Ngon“, das uns noch einmal zu einem klärenden Gespräch gebeten hatte, weil auch dort eine Handvoll Schmähbriefe eingegangen waren, die allerdings nicht weiter verfingen. Wir tranken eine Tasse Ingwertee und verständigten uns darauf, uns auf die anstehende Feier zu freuen.

Ich tat das am Abend dann in der Paris Bar, wo schon wieder alle guten und richtigen Leute waren, bei zwei kleinen Bieren und ging noch vor zwölf Uhr schlafen. Es war Zeit und ich war müde. Der nächste Tag würde lang werden.

Und was am Samstag geschah, war alles andere als böse. Es war schlicht eine, wie ich sicher ganz neutral beurteilen kann, herausragende Spitzenparty in einem wirklich schönen Restaurant, mit tanzbarster Musik und den schönsten und interessantesten und nettesten Gästen, die man sich nur vorstellen kann. Alle waren gekommen, alle meine Freunde und alle, die es bitte sehr bald werden sollen, und alle hatten Spaß, keiner war ein Rassist und eigentlich auch keiner ein Sexist. Die Party ging lang, bis vier etwa, dann machten wir Schluss, weil alles gesagt war und auch im Internet wurde es stiller, bis auf ein, zwei Ausnahmen. Und am Sonntag schlief ich lang und gut, denn so war auch die Woche gewesen: lang und gut.

Foto: Jakob Blumenthal / Ignaz

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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