Was gewesen ist: Woche 10 (2018)

Aus Lust an der Pose begann ich die Woche damit, mir den ARD-Dokumentationsthriller über die zähen Koalitionsverhandlungen der ganz sicher letzten Legislaturperiode Angela Merkels anzuschauen und danach noch ein bißchen über die Zukunft des Menschen zu lesen, anstatt mich von einem der vielen Lifeystyle-Konzerne zum Konzert des US-Rappers Kendrick Lamar in der nach einem Autobauer benannten Sporthalle in Friedrichshain einladen zu lassen.

Ich hatte über die Jahre und viele, viele Konzerte ohnehin festgestellt, dass in einer solchen Halle und bei einer solch großen Musikproduktion alles gleich klingt, und es eigentlich egal ist, wer da auf der Bühne steht, U2 oder Rihanna, Coldplay, Kanye West, Revolverheld oder Kendrick Lamar und auf die alle hatte ich keine Lust.

Im Kultbuch “Homo Deus” des Universalhistorikers Yuval Noah Harari las ich also währenddessen davon, dass Algorithmen doch viel besser wüssten, was ich will, und, dass dadurch der Liberalismus an sein Ende kommen würde, weil die freie Wahl dann von Google getroffen würde, und als ich mein Handy wieder zur Hand nahm, um den Algorithmus mit Daten zu füttern, sah ich dutzende, vielleicht hunderte kurze Videos vom Kendrick Lamar-Konzert, aus der Halle des Autobauers.

Den großen Rest der Arbeitswoche verbrachte ich damit, mich dem Aufbäumen unseres Imbissbuden-Imperiums Dandy Diner zu widmen, das doch bald bevorstand, außerdem traf ich den klugen Timo Feldhaus, der sich, wie wir alle, aktuell den Kopf darüber zerbricht, wo man denn in diesem Sommer am ehesten sein sollte, ob in Italien oder an der französischen Küste, ganz sicher aber doch nicht in Spanien.

Am Mittwoch, es war gerade kurz nach neun Uhr morgens, ging ich mit meinem Freund Rafael Horzon ins Kino und schaute die Pressevorführung der deutschen Beziehungsklamotte “Zwei im falschen Film” mit Laura Tonke und Marc Hosemann, bei der ich ob der merkwürdigen Uhrzeit die Schlüsselszene verschlief, in der Unzucht auf der Waschmaschine getrieben wird. Ganz beseelt von der Kraft des Bewegtbilds trafen wir uns im Anschluss an den Film mit Produzenten von ARTE und planten eine mehrteilige Saga zum Thema Life-Coaching und im weitesten Sinne auch Boss-Transformation.

Immer noch ganz aufgeregt von alledem, fuhr ich abends in das Kaufhaus “Peek & Cloppenburg” in Spuckweite vom KaDeWe und legte mit meinem Freund David ein derbes Hip Hop-DJ-Set hin, dass selbst hartgesottenste Shopper an die Kassen trieb. Unser Support-Act, der Ganja-Rapper Gentleman, hatte zuvor die vom Discount getriebenen Stammkunden des Hauses aber auch wirklich heiß gemacht und so war es sicher für alle ein guter Abend, auch dann noch, als wir haarscharf am Ende unseres Sets, das Putzlicht war schon an, noch einmal die ganz großen Hits rausholten und uns beim Dune-Klassiker “Hardcore Vibes” schlussendlich der Strom abgedreht wurde.

Völlig unklar, warum sich ausgerechnet am Donnerstag eine handvoll Mode-Events ballten, aber so war es. Und so kam es dann, dass ich erst im Prenzlauer Berg auf einer Feier der Outdoor-Marke “The North Face” stand, ein paar Funktionsjacken anschaute und den Raum schon wieder verließ, bevor der angesagte Rap-Musiker Yung Hurn seine kurzen Zeilen performte und dann die paar hunderttausend Meter zum “The Store” im Soho House spazierte, um dort, geladen von der Marke “Calvin Klein Jeans” mit szenigem Publikum Apfelschorle mit Eis und Zitrone zu trinken. Die amerikanische Marke, die aktuell besondere Aufmerksamkeit genießt, weil ihr der wohl einflussreichste Designer der Welt, Raf Simons, vorsteht, hatte ursprünglich eine handfeste Party schmeissen wollen, das kurzfristig aber in einen gemäßigteren und damit deutlich unaufgeregteren Cocktail umgewandelt. Eine richtige Party wolle man dann aber im Sommer feiern, sagte man mir, vielleicht zum Modefestival “Bread & Butter”, vielleicht auch wann anders, denn Berlin stehe doch für gute Partys und eher nicht für schlichte Cocktailempfänge in Kleidergeschäften.

Und weil ich da so rumstand, auf diesen Veranstaltungen, verpasste ich, wie die “Lala Berlin”-Designerin Leyla Piedayesh einen Feministinnen-Preis, den vom Axel-Springer-Verlage gegründeten Iconista-Award, verliehen bekam, dessen Hauptpreis es ist, dass es Leyla nun als Barbie-Puppe gibt, es war schließlich Weltfrauentag und ich ganz froh keine sein zu müssen, an diesem Tag.

Am Freitag fuhren Giannina und ich mit dem Schnellzug, dem besten aller Verkehrsmittel, tief in den Westen, um dort den dreißigsten Geburtstag meines Bruders zu feiern, der doch an diesem Tage und sehr schön war.

Als wir am Samstag mit einem noch schnelleren Zug wieder in Berlin ankamen, waren wir hungrig und gingen schnurstracks in den Grill, wo schon wieder alle waren, und René Pollesch von Zürich erzählte, wo er sein neuestes Stück vor Kurzem uraufgeführt hatte, und Dirk Schönberger erzählte von Portland in Oregon und dem dortigen Clash von gut bezahlten Nike- und Adidas-Mitarbeitern, Obdachlosen und Aussteigern, und alle erzählten von Instagram und zeigten Dinge und wussten genau, wer was liked und wer nicht, und kurz schien es egal, was ein Mensch sonst Tolles macht, am Ende geht es um die kleinen Bildchen und vielleicht auch um die überspannten Videos von Benjamin von Stuckrad-Barre aus seinem Elfenbeinturm, dem Château Marmont in Los Angeles, und um sonst gar nichts, nicht ums Theater und nicht um Turnschuhe. Und nur einer hatte da keine Lust drauf, Boris, Besitzer vom Grill Royal, und konnte dem Ganzen nichts hinzufügen, also gingen wir irgendwann, als die anderen schon weg waren, zu ihm und hörten auf seiner exzellenten Musikanlage Griffgeräusche einer Jazzviolinistin und all die Töne, die man mit einer herkömmlichen Anlage niemals hören würde und muss, und keiner machte ein Video für Instagram, weil das doch sowieso nichts gebracht hätte und ganz sicher keine Likes.

Und dann war Sonntag und der Frühling war zwar noch nicht da, aber eine Ahnung davon, wie schön das wieder werden könnte, wenn in Berlin auch mal die Sonne scheint, und alle waren glücklich.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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